Warum professionelles Coaching ein Konzept benötigt

Blogbeitrag vom 25. März 2021

Warum professionelles Coaching ein Konzept benötigt

Wir wissen, dass Coaching wirkt. Wir wissen, dass Coaches als Vehikel des Coaching-Prozesses fungieren, sie leisten einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg von Coaching. Doch mit welchem Coaching-Konzept arbeitet ein Coach? Welche theoretische Orientierung, welches übergeordnete Verständnis der eingesetzten Interventionen liegt seinem Vorgehen zugrunde?

Anforderungen an ein Coaching-Konzept

Die Wirksamkeit von Coaching gilt als wissenschaftlich gesichert. Basis eines jeden professionellen und wirksamen Coachings stellt dabei das Vorhandensein und die Güte eines Coaching-Konzeptes dar. Ein allgemeingültiges Konzept des personenorientierten Beratungsformates Coaching – nach wie vor durch ein heterogenes Verständnis in der weiten Welt der diversen Coaching-Community geprägt – gibt es nicht. Sehr wohl lassen sich jedoch eindeutig formulierte Anforderungskriterien an ein wirksames Coaching-Konzept formulieren. Orientierung an wissenschaftlichen Erkenntnissen, bewusste und reflektierte Integration unterschiedlicher Theorien, Modellen und Interventionen sowie Kohärenz des übergreifenden Konzeptes lassen sich als Erfolgsfaktoren definieren.

Es gibt nicht das eine Coaching-Konzept

Greif et al. (2018, S. 9) kommen zu dem Schluss, dass „es keinen Konsens zwischen Coaches über Coaching-Konzepte (…) [gibt].“ Anstatt zwischen unterschiedlichen Konzepten wertend zu polarisieren, plädieren die Autoren für einen offenen Dialog, eine kritisch-konstruktive Diskussion und Klärung zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten sowie dem übergreifenden Selbstverständnis mit dem Ziel, die Profession Coaching gemeinsam weiterzuentwickeln. Allesamt hochkarätige Wissenschaftler messen sie zudem der Vermittlung grundlegenden wissenschaftlichen und innovativen Fachwissens für Coaches einen hohen Stellenwert für die wirksame Durchführung von Coaching bei. So kann das Wissen über wissenschaftliche Erkenntnisse dazu beitragen, dass Coaches ihr Vorgehen unter neuen Perspektiven betrachten und reflektieren.

Ryba (2021, S. 375) kommt zu einem ähnlichen Schluss: „Der Begriff des Coaching-Ansatzes wird in der aktuellen deutschsprachigen Literatur entweder gar nicht oder aber eher beliebig verwendet.“ Beobachten lässt sich Coaching als eklektisches Beratungsformat (vgl. Draht, 2021); unterschiedliche – meist aus der Psychologie und Psychotherapie resultierende – Denkschulen, Haltungen, Modelle und Interventionen werden kreativ miteinander zu etwas Neuem kombiniert und kontinuierlich durch weitere, neue Ideen angereichert. Kritisch anzumerken ist laut oben genannter Autoren, dass diese Kombination von vielen Coaches unreflektiert und ohne übergreifendes Konzept erfolgt. Die zentrale Herausforderung für wirksames Coaching besteht laut Ryba (2021) in der effektiven Integration der verschiedenen Interventionen. Zudem zitiert die Autorin zwei Forderungen einschlägiger Coaching-Literatur (vgl. Ryba, 2021, S. 376):

  • Im Coaching sollten nur empirisch bewährte Interventionen zur Anwendung kommen, weil nur dann sichergestellt ist, dass diese tatsächlich wirksam sind.
  • Es bedarf einer Metatheorie, welche den Einsatz von Interventionen auf Basis theoretischer Geschlossenheit und einem begründeten Verständnis ihrer Wirkungsweise gewährleistet.

Integration und Kohärenz als Erfolgsfaktoren von Coaching-Konzepten

Die Diskussion um ein wirksames Coaching-Konzept zeigt die Herausforderung: Coaches sollten sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen – schulen- und methodenübergreifend – orientieren und diese bewusst sowie kritisch reflektiert in ihre Arbeit integrieren. Gleichzeitig sollten sie dem Anspruch folgen, ihrer Coaching-Arbeit ein kohärentes, theoretisch fundiertes – und selbstverständlich ethischen Richtlinien entsprechendes – Handlungsmodell zugrunde zu legen. Mit einem Augenzwinkern und dem Slogan „A fool with a tool is still a fool“ formuliert es Webers (2020) und weist damit darauf hin, dass es für wirksames Coaching mehr bedarf als das Wissen um und die Anwendung von bewährten Methoden. Entscheidend ist der problem- und situationsgerechte Einsatz dieser, was wiederum nur basierend auf einem theoretischen Fundament, einem konzeptionellen Verständnis der eingesetzten Interventionen adäquat erfolgen kann.

Kriterien wirksamer Coaching-Konzepte

Wie oben beschrieben, stellt die durch die Kombination unterschiedlicher Theorien, Methoden und Intervention entstandene Interdisziplinarität einerseits das Innovative des Coachings als personenorientiertes Beratungsformat dar, setzt Coaching andererseits dem Vorwurf des unreflektierten Eklektizismus aus. Welche Anforderungen an ein integriertes Coaching-Modell sollten erfüllt sein, damit „Interventionen widerspruchsfrei auf der Basis theoretischer Geschlossenheit und eines begründeten Verständnisses ihrer Wirkungsweise zum Einsatz kommen“ (vgl. Roth & Ryba, 2019)? Schreyögg (2012) unterscheidet vier Ebenen, die aufeinander aufbauend kompatibel sein sollten:

  • Meta-Ebene: Die Metaebene stellt die übergeordnete Ebene des Coaching-Modells dar und baut auf erkenntnistheoretischen und anthropologischen Prämissen auf, die u. a. folgende Leitfragen beantworten: Was macht das menschliche Dasein aus, welches Menschenbild prägt mein Verständnis als Coach? Wie gestalten sich menschliche Beziehungen? Wodurch ist berufliches Handeln geprägt?
  • Theorie-Ebene: Die Theorieebene sollte ein vielfältiges Theorieinventar beinhalten mit dem Ziel, verschiedene Fragestellungen im Coaching bearbeiten zu können. Ausgewählte Theorien der Psychologie (u. a. allgemeine Psychologie, Sozialpsychologie, klinische Psychologie, Arbeits- und Organisationspsychologie), der Neurowissenschaften und der Wirtschaftswissenschaften können hierbei – so denn sie kompatibel zur übergeordneten Metatheorie sind – hilfreich sein.
  • Praxeologie, verstanden als reflektiertes Praxis-Konzept: Diese Ebene vereint einzelne Instrumente, Methoden und Interventionen sowie den Coaching-Prozess unterstützende Leitfäden, eingesetzte Medien und Materialien, Techniken der Gesprächsführung, etc.
  • Methoden und Wirkzusammenhänge im Coaching-Prozess: Hierbei geht es um die situations- und problemgerechte Anwendung geeigneter Methoden sowie das übergeordnete Verständnis dessen Wirkzusammenhänge. Dieser Bereich subsumiert also sowohl die Theorie- als auch die Methoden-Ebene. Welche theoretischen Modelle liegen dem Coaching-Verständnis zugrunde? Welche Wirkprozesse werden mit dem Coaching angestrebt? Welche Methoden werden in welcher Situation eingesetzt, mit welchem Ziel?

Auch dieses Verständnis eines umfassenden Coaching-Konzeptes macht deutlich, dass eine reflektierte Haltung als Coach, ein umfassendes Theorie-Repertoire, das Wissen um Wirkmechanismen angewandter Methoden und erst dann die Tool-Ebene ein in sich schlüssiges und wirksames Vorgehen ausmachen.

Eine andere, etwas pragmatischere und gleichzeitig etwas weiter gefasste Auflistung der Anforderungskriterien an ein professionelles Coaching-Konzept bietet Rauen (o. D.). Folgende fünf Bereiche werden aufgeführt:

  • Coaching-Definition und -Verständnis: Aufgrund der hohen Diversität am Coaching-Markt kommt der Definition des Coachings eine elementare Bedeutung zu. Welches Coaching-Verständnis liegt zugrunde?
  • Haltung und Menschenbild: Ähnlich der oben beschriebenen Metaebene bei Schreyögg (2012) wird das Menschenbild des Coaches als essenzielles Fundament für das Zusammenspiel zwischen Haltung und Können beschrieben. Mit welchem Menschenbild und welcher Haltung werden das Coaching initiiert und durchgeführt?
  • Methoden und Wirkzusammenhänge im Coaching-Prozess: Hierbei geht es um die situations- und problemgerechte Anwendung geeigneter Methoden sowie das übergeordnete Verständnis dessen Wirkzusammenhänge. Dieser Bereich subsummiert also sowohl die Theorie- als auch die Methodenebene. Welche theoretischen Modelle liegen dem Coaching-Verständnis zugrunde? Welche Wirkprozesse werden mit dem Coaching angestrebt? Welche Methoden werden in welcher Situation eingesetzt, mit welchem Ziel?
  • Für Coaching erforderliche Rahmenbedingungen: Neben formalen, wie beispielsweise materiellen Aspekten oder der Qualifizierung des Coaches, lässt sich dieser Bereich im weitesten Sinne als ethischer Anspruch an das Coaching-Konzept verstehen. Inwiefern basiert das Coaching auf Freiwilligkeit und orientiert sich an ideellen und ethischen Kriterien wie etwa der gegenseitigen Akzeptanz und Vertraulichkeit? Unter welchen organisationalen Rahmenbedingungen wird das Coaching durchgeführt – oder eben auch nicht (z. B. Lernkultur, Veränderungsbereitschaft)?
  • Konkretes Coaching-Angebot: Hiermit ist die Spezialisierung eines professionellen Coaches gemeint. Denn neben der Einhaltung von Professionsstandards definieren Klarheit des Angebotes sowie vorhandene Alleinstellungsmerkmale die Professionalität. Welche Durchführungsformate (z. B. physisch, virtuell) bietet der Coach, welchen Zielgruppen, Branchen? Was unterscheidet das Coaching-Angebot von anderen?

Professionelles Coaching mit Konzept – Integration: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Lässt man obige Einlassungen auf sich wirken, steht fest: „Es gibt nicht die Antworten auf ein Coaching-Konzept.“ (vgl. Rauen. O. D.). Gleichzeitig wird deutlich: Das Vorhandensein eines in sich schlüssigen Konzeptes, das die eigene Coaching-Haltung, unterschiedliche Theorien, Methoden und Wirkmechanismen reflektiert, ist essenziell, um dem Anspruch an Professionalität im Coaching gerecht zu werden. Eklektizismus muss dabei nicht verwerflich sein, wenn die Grundlogik eines integrierten Coaching-Modells einer aufeinander aufbauenden und in sich kompatiblen Systematik folgt. Passmore (2021, S. 210) ermutigt Coaches gar dazu, ihren Ausbildungshintergrund, ihre persönlichen Vorlieben, ihre Art, die Welt zu verstehen, stetig zu reflektieren und im Laufe ihrer Tätigkeit, ihr eigenes Coaching-Modell zu entwickeln, das unterschiedliche Ansätze zu einem ganz persönlichen Coaching-Konzept integriert. 

Diesem Gedanken folgen wir als evelop_me, dem digitalen Coaching-Anbieter von Kienbaum. Wir haben unser evelop_me-eigenes Coaching-Konzept entwickelt, auf das all unsere Coaches geschult sind. So stellen wir gegenüber unseren Kunden ein kohärentes Vorgehen sicher, akzeptieren jedoch gleichzeitig die Einzigartigkeit, die jeder Coach-Coachee-Beziehung zugrunde liegt.

Literaturliste für Interessierte

Draht, K. (2021). Coaching-Ansätze im Überblick. In: Rauen, C. (Hrsg.) (2021). Handbuch Coaching (4., vollst. überarb. u. erw. Aufl.) (S. 18-35). Göttingen: Hogrefe.

Greif, S. et al. (2018). Coachingdefinitionen und -konzepte. In: Greif, S., Möller, H. & Scholl, W. (Hrsg.) (2018). Handbuch Schlüsselkonzepte im Coaching (S. 1-9). Heidelberg: Springer.

Passmore, J. (2021). Excellence in Coaching: Theory, Tools and Techniques to Achieve Outstanding Coaching. London: Kogan Page.

Ryba, A. (2021). Coaching-Ansätze im Überblick. In: Rauen, C. (Hrsg.) (2021). Handbuch Coaching (4., vollst. überarb. u. erw. Aufl.) (S. 375-399). Göttingen: Hogrefe.

Roth, G. & Ryba, A. (2019). Coaching, Beratung und Gehirn: Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte (4. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.

Rauen (o. D.). Coaching-Konzept. [aufgerufen am 18. März 2021: https://www.rauen.de/coaching-report/definition-coaching/coaching-konzept.html]

Schreyögg, A. (2012). Coaching: Eine Einführung für Praxis und Ausbildung (7. kompl. überarb. Und erw. Aufl.). Frankfurt am Main: Campus.

Webers, T. (2020). Systemisches Coaching: Psychologische Grundlagen (2. Aufl.). Heidelberg: Springer.


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