Executive Coaching ist Coaching ist Advisory

Blogbeitrag vom 1. Juli 2021

Executive Coaching ist Coaching ist Advisory

Hört man von Executive Coaching oder Coaching für das Topmanagement fällt eines auf: Coaching für diese spezifische Zielgruppe unterscheidet sich von Coaching für andere Zielgruppen. Was genau steckt dahinter? Erfahren Sie in diesem Beitrag mehr darüber, was Executive Coaching ist, auf welche Zielgruppe es abzielt und was es besonders wirksam macht.

Executive Coaching ist Business Coaching für eine spezifische Zielgruppe

Coaching ist ein weit gefasster Begriff. Konsens besteht in der Coaching-Szene im weitesten Sinne darüber, dass Coaching „die professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen mit Führungs- und Steuerungsaufgaben und […] Experten in […] Organisationen […]“ ist (vgl. Schreyögg, 2019). Professionelles Business Coaching berücksichtigt hierbei stets den organisationalen Kontext. Während Business Coaching sich allgemein auf berufsbezogenes Coaching bezieht, definiert sich Executive Coaching zusätzlich über die Zielgruppe dieser interaktiven und personenzentrierten Intervention. Nur: Auf welche Personen genau zielt Executive Coaching ab?

Executives: Wie definiert sich die Zielgruppe?

Während der Begriff Executive in seiner angelsächsischen Interpretation Personen mit Führungs- und Managementverantwortung über alle Ebenen hinweg inkludiert, wird an dieser Stelle der Begriff enger gefasst. Mit der Zielgruppe der Executives werden hier Personen mit Führungs- und Managementaufhaben der obersten Ebenen definiert, also Topentscheider:innen, die Verantwortung für das Geschäft und die Strategieentwicklung einer Organisation tragen. Diese Einordnung steht wiederum in Abgrenzung zur Definition durch namhafte Topmanagement-Coaches, die von Coaching für das Topmanagement sprechen und damit ausschließlich Führungskräfte bzw. Manager:innen der beiden obersten Führungsebenen großer Unternehmen bzw. Konzerne (Böning, 2018) oder erfolgreiche Menschen in Spitzenpositionen (Assig & Echter, 2021) meinen. In diesen Fällen bezieht sich das mit dem beschriebenen Verständnis einhergehende Coaching-Angebot – dem ich seine absolute Berechtigung beimesse – auf die gar elitär anmutende Zielgruppe einer Minderheit der Topentscheider:innen aus DAX-Konzernen bzw. an der Spitze von Organisationen der Wirtschaft, Politik, Medien, Wissenschaft und Kultur. Hier sei das Angebot des Executive Coachings weitergefasst, Executive Coaching richtet sich an folgende Zielgruppen: Vorstände großer Konzerne, Geschäftsführer:innen privatwirtschaftlicher Unternehmen (Klein-/Mittelstand, Gründer:innen von Start-ups, Familienunternehmer:innen) sowie öffentlicher Organisationen. Das heißt: Zielgruppe des Executive Coachings sind Entscheider:innen mit Verantwortung für geschäftsrelevante Aspekte (Strategie, Business Development, Personal, etc.) einer Organisation bzw. einer größeren Organisationseinheit.

Executive Coaching: Was ist anders?

Executive Coaching ist ein eigenes Feld, denn: „Unternehmensführung ist nicht gleich Mitarbeiterführung.“ (Böning, 2018, S. 63). Und Topentscheider:innen differenziert genau dies von ihren Kolleg:innen anderer Führungsebenen.

Im Executive Coaching steht Unternehmensführung stärker im Fokus als Mitarbeitendenführung

Entscheider:innen beschäftigen sich in ihrer Rolle mit ziel- und ergebnisorientierten Aspekten des General Managements, der Steuerung größerer oder kleinerer Organisationseinheiten – Führung meint für sie Unternehmensführung. Dem steht die Interpretation von Führung als Mitarbeitendenführung im Sinne von Leadership gegenüber (vgl. Böning, 2018). Böning (2018) beschreibt zudem einen gemeinsamen Habitus, der die Zugehörigkeit zu Top-Führungspositionen markiert und u. a. folgende Aspekte beinhaltet: das Beherrschen des spezifischen Sprach-, Verhaltens- und Dresscodes, das selbstsichere parkettfähige Auftreten, eine klare Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit sowie eine wahrnehmbare Höflichkeit, Takt und eine hohe emotionale Selbstkontrolle. Im Kern lässt sich folgende Aussage treffen: Während die Aufgabe „klassischen“ Business Coachings vorrangig die Weiterentwicklung von Leadership-Kompetenzen sowie Persönlichkeitsentwicklung von Potenzialträger:innen und Führungskräften des mittleren Managements ist, dient Executive Coaching vor allem der Weiterentwicklung der Person in ihrer spezifischen Rolle bzw. Funktion als Entscheider:in in ihrer Organisation. Neben der Reflexion der Rolle bzw. Funktion der Topentscheider:innen in ihrer Organisation stehen Managementkompetenzen und mitunter auch die fachliche Beratung auf Augenhöhe sowie das unmittelbare Feedback durch den Coach stärker im Vordergrund.

Executive Coaching bezieht sich sowohl auf die Person als auch auf ihre spezifische Funktion in ihrer Organisation

Eine – wenn auch in seinem Text im Speziellen auf das Coaching vom Topmanagement in mittelständischen Unternehmen bezogen – so aus meiner Sicht doch universal gut geeignete Differenzierung von persönlichkeitsorientiertem und auf die Funktion bezogenem Coaching sowie in weiterer Abgrenzung der Managementberatung liefert der von mir sehr geschätzte Coach-Kollege Achim Mollbach. So kommt es im Coaching vom Topmanagement laut Mollbach (2006) darauf an, die „personale Perspektive“ mit der „Funktionsperspektive“ zu kombinieren. Denn sowohl die Reflexion in Bezug auf die eigene Person als auch die der eigenen Funktion in dem Unternehmen sind erforderlich, nicht nur um ein adäquates Führungs- und Managementverständnis aufzubauen, sondern auch, um individuelle Anpassungsprozesse positiv zu unterstützen. Um es an einem kurzen Beispiel zu verdeutlichen: Wie korrespondiert die Risikoaversion des Topmanagers mit der Strategieentwicklung des Unternehmens, welches Handeln leitet sich daraus ab, wie wird dieses Handeln für Person und Organisation ein Erfolg? An diesem Beispiel lässt sich ebenso die Abgrenzung zur Managementberatung im Sinne von Expertenberatung gut verdeutlichen. Denn hier gibt es ein Richtig und Falsch, eine klare Empfehlung. Während der Executive Coach, der die Funktion des Topmanagers einbezieht, das Managementhandeln als Prozess in den Vordergrund stellt, sind es für den Strategie- und Organisationsberater die Ergebnisse bzw. die Inhalte des Managementhandelns. Ziel des Executive Coachings ist es, die Qualität der managementbezogenen Problemlöse-, Reflexions- und Entscheidungsprozesse zu steigern, nicht die inhaltliche Richtigkeit der Ergebnisse aus Sicht des Coaches (vgl. Mollbach, 2006).

Praxis-Tipps für wirksames Executive Coaching

Wirksames Executive Coaching verlangt das Bewusstsein für die Andersartigkeit der Anforderungen an Topentscheider:innen im Vergleich zu Führungskräften anderer Ebenen seitens des Coaches und daraus abgeleitete Modifikationen der Coaching-Praxis.

Rahmenbedingungen im Executive Coaching

Im Executive Coaching liegt der Fokus der Coaching-Praxis anders gelagert, während sich z. B. Führungskräfte des mittleren Managements im Coaching stärker auf ihren eigenen Verantwortungsbereich sowie Fragestellung rund um ihre Führungsqualität in Bezug auf ihre Mitarbeitenden konzentrieren, steht für Executives das Gesamtsystem der Organisation im Vordergrund. Folgende Aspekte (in Anlehnung an Böning, 2018) verdeutlichen, wofür es sich lohnt im Coaching-Prozess als Coach sensibilisiert zu sein. Diese Punkte sind wichtig für wirksames Executive Coaching:

  • Verantwortungsbereich: eigene Organisationseinheit und (Mit-)Verantwortung für das Gesamtunternehmen, Berücksichtigung externer Rahmenbedingungen (Markt, Politik, etc.)
  • Führungsperspektive: Berücksichtigung des Gesamtsystems, Steuerung der Organisation, Unternehmensführung
  • Mentale Ausrichtung: Big Picture, politische Selbstbehauptung
  • Metaziele: Bewährung in der Rolle als Topmanager:in, Gestaltung des Umfeldes
  • Werte/Einstellungen ggü. anderen: u. a. Strategie, Taktik, Erfolg, Macht, Gefühlskontrolle, Politik, Durchsetzung, Konfliktkaschierung, Arbeit als wichtiger Teil der Selbstdefinition
  • Verhältnis Coachee-Coach: Coach als Sounding-Board, Impuls-, Rat- und Feedbackgeber bei gleichzeitiger Neutralität, Entscheidungsfreiheit auf Seiten des Coachees
  • Interventions-Schwerpunkte: Dialog und rationale Analyse, Feedback, Klärung, Coach als impulsgebende „Reibungsfläche“ für den Coachee

Für den Coaching-Prozess bedeuten diese Aspekte, dass analytische Durchdringung der rein empathischen Unterstützung vorausgeht, Unternehmensthemen stehen stärker im Vordergrund und der Coach ist darin gefordert, dem Coachee eine Reflexions- und Strukturierungshilfe auf Augenhöhe – das heißt mit ähnlichem Senioritäts- und Erfahrungslevel wie der Coachee – in Bezug auf komplexe Problemlagen zu bieten. Hierbei besteht punktuell – anders als im Führungskräfte-Coaching – das klare Selbstverständnis, dem Coachee Lösungsvorschläge anzubieten, anstatt diese ausschließlich im Sinne einer reinen Prozessunterstützung durch den Coachee selbst erarbeiten zu lassen.

Anlässe im Executive Coaching

Abgeleitet aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, seien hier einige typische Anlässe, die in ein Executive Coaching münden können, aufgeführt:

  • Unternehmerische Steuerung sowie eigene Positionierung in herausfordernden Transformationsprozessen: z. B. Restrukturierungen, Post-Merger-Integration​
  • Unternehmerische Steuerung sowie eigene Positionierung in herausfordernden Geschäftssituationen: z. B. Massenentlassungen, strategische Neuausrichtung, ethisch-juristische Dilemmata
  • Konflikte mit Kollegen: z. B. in Co-Geschäftsführungskonstellation/unter Mitgliedern der Geschäftsführung​
  • Nachfolgeregelungen, insbesondere in Inhaber geführten Unternehmen
  • Vermittlung von Habitus, Ritualen, Codes, etc. im Topmanagement
  • Krisen: z. B. Erschöpfungsphänomene (oder gar Lebenskrisen), insbesondere bei narzisstisch prädisponierten Executives, die nach Kränkungserleben in persönliche Krisensituation kommen​

Erfolgsfaktoren von Executive Coaching

Wie weiter oben hergeleitet ist Executive Coaching Business Coaching für eine spezifische Zielgruppe: Topentscheider:innen einer Organisation. Mit der spezifischen Zielgruppe gehen spezifische Anforderungen an den Coaching-Prozess einher. Denn: Die „Luft weiter oben ist dünner“, oft fehlt der Austausch auf Augenhöhe. Ein Executive Coach steht als neutraler, vertrauensvoller Gesprächs- und Sparringspartner von außen zur Verfügung, der in der Lage ist, sowohl inhaltlich-geschäftliche als auch persönliche Herausforderungen gemeinsam mit dem Coachee zu reflektieren und durch konstruktiv-kritisches Feedback neue Perspektiven aufzuzeigen, Strukturierungshilfe zu komplexen Fragestellungen zu liefern und so schnelle und gute Lösungen zu begleiten.

Wirksames Executive Coaching bedeutet:

  • Personen werden in ihrer spezifischen Rolle als Topentscheider:innen einer Organisation entwickelt, Unternehmensführung stehen ebenso im Fokus wie die Positionierung der Person des Coachees in diesem Kontext.
  • Wie in jedem professionellen Coaching geht auch hier der Wirksamkeit eine eindeutige Klärung von Mandat und Rolle des Coaches in der jeweiligen Beratungssituation voraus. Dies wird umso wichtiger, wenn bspw. eine Expertenberatung der obersten Führungsebene in Bezug auf die Unternehmensstrategie, im Rahmen von Transformationsprozessen, etc. durchgeführt und gleichzeitig ein Coaching in Anspruch genommen wird.
  • Die ausbalancierte Verbindung aus Zielorientierung, Effizienz und Effektivität bei gleichzeitiger Ermöglichung eines vertrauensvollen Reflexionsraums für persönliche Themen ist hier noch wichtiger als ohnehin im Business Coaching.
  • Das gelungene Wechselspiel aus Sparring, Reflexion, Feedback, Impulsen einerseits und Neutralität und Entscheidungshoheit seitens des Coachees anderseits.

Somit vereint Executive Coaching immer beides: Business Coaching und Managementberatung. Entscheidend ist im Executive Coaching stets die Balance zwischen prozessualer und inhaltlicher Intervention, so dass der wesentliche Kern des Coachings im Vergleich zur Vorgehensweise eines Unternehmensberatenden gewahrt wird (vgl. Böning, 2018).

Das digitale Business Coaching evelop_me von Kienbaum bietet genau das für Topentscheider:innen; Qualifizierte Coaches auf Augenhöhe mit jahrelanger Erfahrung in der Managementberatung. Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen und unterstützen Sie bestmöglich bei ihren geschäftlichen Herausforderungen.

Literaturliste zu Executive Coaching für Interessierte

Assig, D. & Echter, D. (2021). Coaching im Topmanagement. In: Rauen, C. (Hrsg.) (2021). Handbuch Coaching (4., vollst. überarb. u. erw. Aufl.) (S. 657-673). Göttingen: Hogrefe.

Böning, U. (2018). Business-Coaching im Topmanagement. In: Greif, S., Möller, H. & Scholl, W. (Hrsg.) (2018). Handbuch Schlüsselkonzepte im Coaching (S. 63-73). Heidelberg: Springer.

Schreyögg, A. (2019). Begriffsbestimmungen. In: DBVC (Hrsg.). Coaching als Profession. Kompendium mit den Professionsstandards des DBVC (5., aktualisierte Auflage, S. 18-21). Osnabrück. [aufgerufen am 14.06.2021: https://www.dbvc.de/_Resources/Persistent/9/7/c/5/97c54d38f378d6ea9b05bb367b8202e844ec82a8/DBVC%20Coaching%20Kompendium%202019.pdf]

Mollbach, A. (2006). Top-Management-Coaching in mittleren Unternehmen. Organisationsberatung, Supervision, Coaching, 13(2), 139–152.


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