Digitales Coaching: „Die Frage ist nicht, ob wir digital coachen wollen, sondern wie.“

Blogbeitrag vom 23. September 2020

Digitales Coaching: „Die Frage ist nicht, ob wir digital coachen wollen, sondern wie.“

Die Chancen und Risiken der Digitalisierung von Coaching werden heiß diskutiert. Das Thema bewegt die Coaching-Szene. Insbesondere die Diskussion rund um digitale Coachinganbieter zeigt sich hitzig. Als Head of Coaching regt mich die Diskussion zum Nachdenken an. Mit diesem Beitrag fasse ich aus meiner Sicht wichtige kursierende Thesen zusammen und gebe einen Einblick in unser Verständnis von digitalem Coaching.

Digitales Coaching – Schöne neue Welt?!

„Digitales Coaching – Schöne neue Welt?!“ – so die provokante Frage. Die Digitalisierung schreitet voran und mit ihr die Digitalisierung des Coachings. Die mit der Corona-Pandemie einhergehenden Auflagen haben diesen Prozess zusätzlich beschleunigt. Führungskräfte – in dieser Situation mehr denn je gefordert im Spagat zwischen effizientem Kostenmanagement und den Ansprüchen an mitarbeiterorientiertes Leadership – werden durch Coaching in ihrer Führungsqualität unterstützt, nun zunehmend virtuell. Organisationen sehen Coaching jetzt umso mehr als Intervention zur individuellen Unterstützung ihrer Leistungsträger. Online-Coaching-Plattformen bieten hier neben dem Coach-Pool-Management ganz neue Möglichkeiten des Monitorings von Coaching-Programmen. Coaching-Ausbildungsanbieter erweitern ihre Curricula um Schulungen zur Durchführung von virtuellen Coaching-Formaten, und erweitern damit ihr Portfolio. Coaches stehen vor der Frage: Wie sichere ich – insbesondere als Selbstständiger – meine Existenz in Zeiten von social distancing. Hat klassisches Coaching unabhängig davon zukünftig noch Bestand? Und Coaching als Profession, seit Jahren ringend um eine klare und gemeinsam geteilte Positionierung, steht nun vor ganz neuen Herausforderungen – was bedeutet die Digitalisierung für die Weiterentwicklung der Profession?

Digitales Coaching wird kontrovers diskutiert

Kontroversen zu dem Thema der Digitalisierung von Coaching bestimmen aktuell den Diskurs. Unterschiedlich positionierte Fach- und Interessensvertreter reflektieren konstruktiv-kritisch die Veränderung des Coachingmarktes durch die Digitalisierung. Spannend ist, dass sich das Gespräch rasch um digitale Coachinganbieter dreht, wobei sich die Digitalisierung von Coaching – als die Integration des kompletten Coaching-Prozesses in ein digitales Geschäftsmodell – nicht alleinig auf diese beschränkt, sondern auch von Einzelanbietern gelebt werden kann. Fest steht, dass die Schlagworte „Digital Coaching Provider“ (DCP) und „Online-Coaching-Plattformen“ momentan in der Coaching-Szene wie Trigger-Worte wirken – einmal ausgesprochen, bringen sie Dynamik und Emotionen ins Feld.

Positionen aus dem DBVC Digitalforum

Auch die Podiumsdiskussion des kürzlich stattfindenden Digitalforums des Deutschen Bundesverbandes Coaching e. V. (DBVC), das sich dem Thema Digitalisierung von Coaching widmete, zeichnete dieses Bild. Kontrovers diskutierte die hochkarätig besetzte Runde mit den Teilnehmenden PD Dr. Thomas Bachmann, Ulrich Dehner,  Dr. Christopher Rauen, Prof. Dr. Sabine Remdisch und Michaela Ritter, moderiert durch David Hagenauer. Die Zusammenfassung wichtiger Positionen ist im Folgenden aufgeführt, im Anschluss geben wir erste Antworten von unserer Seite.

„Auf welche Weise kann ein Verband wie der DBVC Coaches in der Digitalisierung unterstützen?“

Während Michaela Ritter für die Unterstützung der Coaches in der Digitalisierung, die Kooperation mit den digitalen Coachinganbietern sowie eine höhere Geschwindigkeit des Verbandes insgesamt plädiert, positionieren sich andere Vertreter deutlich kritischer. Ritter zeigt sich überzeugt davon, dass es zukünftig darauf ankäme, ein am Kunden und an den Bedürfnissen der Unternehmen orientiertes Geschäftsmodell – von reinem Coaching hin zu kompletten Lösungen – anzubieten, und “nicht einfach nur Coaching”.

„Die digitalen Coaching-Plattformen werden keinen Bestand haben.“

Dr. Christopher Rauen geht hingegen davon aus, dass „die digitalen Coaching-Plattformen keinen Bestand haben werden“; die Geschäftsmodelle seien insbesondere im Hinblick auf den Qualitätsanspruch der Coaching-Leistung nicht nachhaltig genug. Rauen weist darauf hin, dass viele der Plattformen dem Ansatz der Verbände diametral entgegenstünden und dem Professionsanspruch nicht genügen würden. Vertrauen in hochwertiges Business Coaching – das sei die Kernwährung des DBVC. Auf die eingeworfene Befürchtung von Ritter: “Was, wenn wir Vertrauen verlieren, weil wir nicht schnell genug sind und mit den DCPs nicht mithalten können?” entgegnet Dr. Christopher Rauen selbstbewusst: „Qualität lässt sich nicht so leicht aufbauen.”

„Der Coachingmarkt ist sehr, sehr klein.“

Ulrich Dehner spricht sich einerseits für Offenheit gegenüber Neuem aus – sowohl als Coach als auch als Verband, bezweifelt anderseits jedoch ebenfalls die Nachhaltigkeit der Plattformen in dem aus seiner Sicht kleinen Coachingmarkt mit “ein paar 100 Mio. Umsatz”. Es ist anzunehmen, dass er sich an dieser Stelle auf die Marburger Coachingmarktanalyse 2016/17 bezieht, die den Coachingmarkt  mit einem Jahresumsatz von etwa 520 Mio. EUR im Jahr 2016 und als Wachstumsmarkt beschreibt. Er stellt fest: “Wenn einzelne Player große Teile des Marktes übernehmen, werden Investitionen einiger anderer Anbieter kaum wieder reingeholt werden.” Dehner geht außerdem der Frage nach, was Beweggründe für Coaches seien, einer Plattform anzugehören anstatt einem Verband und geht dabei so weit, die Existenz von Coaching-Verbänden kritisch zu hinterfragen.

„Die Kunden werden darüber entscheiden, welchen Stellenwert Coaching-Plattformen zukünftig haben werden.“

Prof. Dr. Sabine Remdisch argumentiert aus Sicht der Kunden – diese würden Ihrer Meinung nach über den zukünftigen Stellenwert von Online-Coaching-Plattformen maßgeblich mitentscheiden. Die Coaching-Community lädt sie zu einem “Mish & Mash” unterschiedlicher Coaching-Formate ein, positioniert sich jedoch insgesamt pro Online-Coaching. So stellt sie die Hypothese auf, dass Coaches durch die Unterstützung in Form von Tools und Plattformen Entlastung erführen und sich so besser auf den Coaching-Prozess und die Qualität konzentrieren könnten. Gleichzeitig plädiert sie dafür, die den Online-Coaching-Plattformen zugrundeliegenden Qualitätskriterien – bspw. in Bezug auf die eingesetzten Coaches, die Durchführungsqualität der Coaching-Session – zu erkunden. Grundsätzlich spricht sich Remdisch ganz klar für die Weiterentwicklung der Online-Kompetenz von Coaches aus.

„Wir sollten digitaler werden und den digitalen Markt mitgestalten!“

Dr. Thomas Bachmann betont wie wichtig es sei, die digitalen Coachinganbieter ernst zu nehmen, gleichzeitig jedoch das Coaching der Plattformen mit dem Coachingverständnis des DBVC als Verband mit einem hohen Qualitätsanspruch abzugleichen. Hierbei fordert er eine Weiterentwicklung von Coaching als Profession unter Berücksichtigung unterschiedlicher Aspekte der Professionalisierung, u. a. ethische Standards, Qualitätskriterien des Coaching-Prozesses. Bachmann stellt die Frage: “Sind die Plattformen überhaupt Ansprechpartner auf Augenhöhe?”, oder wird sich der Coachingmarkt zukünftig unterteilen in “Plattform-Coaching” versus “hochwertiges Coaching”. Er äußert die Befürchtung, dass den Plattformen zukünftig die Marktmacht zufiele und ermuntert die Coaches durch ihre Aktivitäten auf unterschiedlichen Online-Coaching-Plattformen, einer fortschreitenden Monopolisierung entgegenzuwirken. Er lädt zu professionellem Coaching ein, auch digital, aber mit einer gelebten Unabhängigkeit von den Plattformen. Bachmanns Plädoyer an den Verband und seine Mitglieder lautet: „Wir sollten digitaler werden und den digitalen Markt mitgestalten!“

Die Welt des Coachings ändert sich – so oder so!

Die Professionsgemeinschaft des Coachings ist seit jeher eine diverse. So überraschen diese unterschiedlichen Perspektiven nicht. Auffällig gestaltet sich jedoch eine gewisse “Lagerbildung”, während die einen auf Möglichkeiten fokussieren und zum Gestalten animieren, scheinen die anderen wenig tangiert und nehmen die Rolle der Kritiker ein. Eines steht fest: Coaching befindet sich – wie aktuell so viele unserer Arbeits- und Lebensbereiche – in einer Phase der grundlegenden Transformation.

Digitales Coaching mit evelop_me

Während in den vergangenen Jahrzehnten einzelne Coaches den Qualitätsanspruch nicht nur propagiert, sondern in mühevoller Schwerstarbeit die Professionalisierung von Coaching vorangetrieben, gelebt und durch fundierte Coachingausbildungen zur Qualifizierung ganzer Kohorten an Coaches beigetragen haben und Verbände die harte Währung der Vertrauensbildung am Markt übernommen haben, gewinnen digitale Coachinganbieter zunehmend an Bedeutung. Ist es tatsächlich so, dass sie, so schnell sie am Markt aufgetaucht sind, auch wieder in die Bedeutungslosigkeit verschwinden? Exemplarisch seien hier zwei der obigen Thesen aufgegriffen.

“Plattform-Coaching” versus “hochwertiges Coaching”

Es wurde die provokante These in den Raum geworfen, ob Plattformen überhaupt Ansprechpartner auf Augenhöhe seien oder sich der Coachingmarkt zukünftig in “Plattform-Coaching” versus “hochwertiges Coaching” unterteilen ließe. Es kommt auf den digitalen Coachinganbieter und das damit einhergehende Verständnis von digitalem Coaching an. Denn: Erst die Verbindung von technischer Skalierbarkeit (z. B. Reportings, Matching, Terminierung und Prozesssteuerung) und fachlicher Organisationsexpertise (d. h. die Berücksichtigung von Unternehmensspezifika sowie bestehenden Lern- und Entwicklungsaktivitäten) ermöglicht die nachhaltige Implementierung des Coachings in die Organisation sowie die wirkungsvolle Weiterentwicklung der gecoachten Mitarbeiter. Es wird also zukünftig sowohl hochwertiges Plattform-Coaching als auch hochwertiges Coaching unabhängig von Plattformen geben – andersherum aber genauso.

“Qualität lässt sich nicht so leicht aufbauen.”

Die langjährigen Gestalter der Coaching-Community haben die vergangenen Jahrzehnte mit ihrer grundlegenden Arbeit das Fundament für qualitativ hochwertiges Coaching gelegt. Auf diesem Fundament setzen hochwertige digitale Coachinganbieter auf und lassen sich gern an den hohen Ansprüchen der Verbände messen. evelop_me – digitaler Coachinganbieter und Corporate Venture von Kienbaum – verfolgt eine klare Haltung zu Qualität und Anspruch im Business Coaching. Gerade weil wir als Teil der renommierten HR- und Managementberatung agieren, setzen wir uns differenziert mit der Unterscheidung von Coaching in Abgrenzung zu anderen individuellen Interventionen auseinander. In Anlehnung an die International Coaching Federation Inc., (ICF) und den DBVC definieren wir Coaching als einen partnerschaftlicher Reflexionsprozess, der Menschen und Organisationen dabei unterstützt, ihr Potenzial bestmöglich auszuschöpfen. Hierbei beziehen wir stets den organisationalen Kontext unserer Coachees ein, evelop_me ist Business Coaching. Zudem legen wir ein besonderes Augenmerk auf die Auswahl unserer Coaches, die einen anspruchsvollen Auswahl- sowie Onboarding-Prozess durchlaufen sowie neben kontinuierlichen Weiterqualifizierungen an regelmäßigen Supervisionsgruppen teilnehmen. Mit evelop_me pflegen wir den intensiven Austausch mit einschlägigen Verbänden, was unseren hohen Anspruch an Coaching und unsere kompromisslose Einhaltung ethischer Standards unterstreicht. Im Gespräch mit den Verbänden überzeugen wir vor allem durch unseren sichtbaren Gestaltungswillen im Hinblick auf die Professionalisierung von qualitativ hochwertigem, digitalen Coaching. Als digitaler Coachinganbieter, der Technologie und Fachlichkeit miteinander verbindet, orientieren wir uns nicht nur an den Bedürfnissen und Qualitätsansprüchen unserer Kundenorganisationen, sondern stehen ebenso für die gemeinsame Zukunftsgestaltung von Coaching im digitalen Wandel ein.

Literaturliste für Interessierte

  • DBVC Digitalforum (2020). Weiterführende Informationen unter: https://www.dbvc.de/events/dbvc-digitalevents/dbvc-digitalforum
  • Stephan, M./Rötz, C. (2018): Coachingmarktanalyse 2016/17: Ergebnisse der 4. Marburger Coaching-Studie 2016/17, in: Discussion Papers on Strategy and Innovation, 01/18. Verfügbar unter: https://www.uni-marburg.de/de/fb02/professuren/bwl/bwl01/forschung/2018-01_coaching_onelineversion.pdf

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